John Coltrane

John William Coltrane (* 23. September 1926 in Hamlet, North Carolina; † 17. Juli 1967 in New York City) war ein US-amerikanischer Jazz-Saxophonist (anfangs Altsaxophon, seit den frühen 1950er Jahren fast ausschließlich Tenor- und Sopransaxophon).


Sein Stil

Coltranes Stil entwickelte sich in und aus der Post-Bop-Zeit; in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre entfaltete er, u.a. von Dexter Gordon beeinflusst und über Charlie Parker hinausgehend, seine eigene Spielweise, die einen sehr durchdringenden, hellen Saxophonklang auf seinem Tenorsaxophon mit extremer rhythmischer Verdichtung der Notenwerte verband, bei gleichzeitiger Erweiterung und Verfeinerung des Bebop-Vokabulars im harmonisch-melodischen Bereich. Diese Spielweise wurde von dem amerikanischen Jazzkritiker Ira Gitler mit dem Begriff "sheets of sounds" (Übersetzung: "Klangbögen") bezeichnet. Nachdem er durch seine Zusammenarbeit mit Miles Davis die modale Spielweise kennengelernt hatte, vertiefte er sich in zunehmenden Maße in Experimente und mit Skalen und ihren Möglichkeiten, darin auch von der indischen Musik beeinflusst (Die Wahl des Vornamens Ravi für einen seiner Söhne ist Ausdruck seiner Bewunderung für Ravi Shankar). Ab Mitte der sechziger Jahre öffnete er sich auch freien Spielformen (Platte "Ascension") und erforschte in seinem Spiel auch ihre Möglichkeiten konsequent. All diese Erkundungen und Erkenntnisse finden Eingang in seine letzte Platteneinspielung "Expression", die von vielen als sein Vermächtnis angesehen wird.

 

Leben und Werk
Das Wohnhaus von John Coltrane in der North Thirty-Third Street von Philadelphia.

Kurz nach der Geburt zogen seine Eltern zum Großvater Walter Blaire, der Reverend in einer methodistischen Kirche war. Seine Familie war musikalisch, sein Vater spielte mehrere Instrumente. Über den Großvater kam Coltrane schon als kleines Kind mit geistlicher Musik in Berührung. Mit zwölf Jahren bekam er von den Eltern seine erste Klarinette geschenkt und nahm klassischen Musikunterricht. Als 1938 sein Großvater und bald darauf sein Vater starb, geriet die Familie in Geldnöte, die Mutter musste als Dienstmädchen arbeiten und konnte gerade das Geld für die Musikschule aufbringen. Ihr Sohn spielte schon bald im Schulorchester. In der Highschool-Zeit lernte er Altsaxophon und machte erste Gehversuche im Jazz.

 

Nach dem Militärdienst in einer Musikkapelle Mitte der 1940er Jahre ging er nach Philadelphia und gründete dort auch seine erste Band. In der Musikerszene kam er mit Heroin in Berührung, das damals eine Modedroge war, und wurde schließlich abhängig. Dennoch behielt er auch in dieser Zeit ein tägliches Übungspensum von mehreren Stunden bei. 1949 wurde er Mitglied der Dizzy Gillespie Big Band, wurde allerdings schnell wieder entlassen, weil Gillespie keinen Junkie in seiner Band haben wollte. In der Musikerszene gab man ihm den Spitznamen Country Boy, weil er oft barfuß durch die Gegend lief. Nach einem kurzen Engagement bei Johnny Hodges' Band im Hochsommer 1954 lernte er 1955 seine erste Frau Naima kennen, im gleichen Jahr engagierte ihn Miles Davis zum ersten Mal. Dies bedeutete für Coltrane den Durchbruch; Davis war bereits ein Star. Coltrane spielte Tenorsaxophon, behielt dabei aber die Intonation des Alt bei und entwickelte seinen charakteristischen Klang. Doch bereits im Herbst des folgenden Jahres warf Davis Coltrane wegen dessen Drogensucht wieder aus der Band. Coltrane zog sich zurück und konnte mithilfe Naimas vom Heroin loskommen.

 

Im Jahr darauf kehrte er, nun clean, auf die Bühne zurück und stürzte sich mit neuer Energie in die Arbeit. Er arbeitete unter anderem mit Thelonious Monk, mit dem er im Oktober 1957 das Album Monk's Music aufnahm. Aus dem Zusammenspiel mit Monk brachte er die an den Kirchentonarten orientierten Skalen ein. Diese "modale" Spielweise überwindet die herkömmliche, an Harmoniefolgen gebundene Improvisation. In der Folge wurden Coltranes Soli immer länger und ekstatischer.

 

In jenen Jahren (ca. 1958-60) perfektionierte er eine neue Spielweise, welcher der Jazz-Kritiker Ira Gitler den Namen „sheets of sound" gab, zu deutsch Klangflächen. Das Spiel verlief so schnell, dass neben dem aktuellen Ton noch die vorherigen Töne in der Luft lagen. Hierbei wurden die horizontalen Linien mehr gewichtet und die althergebrachten schemenartigen Akkordmuster und -Verbindungen bewusst vernachlässigt, der Takt wurde aufgelöst. Der besondere Reiz dieser Technik besteht darin, dass die Musik vielsagend wird, weil oft nicht klar ist, in welcher Tonart Coltrane genau spielt. Wichtig ist, dass der Pianist eingewiesen ist. Monk beispielsweise spielte statt eines C-Dur-Dreiklanges nur das c, womit er die Tonart nicht eindeutig vorgab. In dieser Zeit trat Coltrane - mehr oder weniger notgedrungen, denn er benötigte Material für seine neue Spielweise - als Komponist hervor. Von 1958 bis 1960 spielte er dann auch wieder im Davis-Quintett. Die beiden herausragenden Alben Milestones und Kind of Blue entstanden.

 

Im Jahr 1959 entstanden erste Aufnahmen für das Label Atlantic Records mit Milt Jackson (Bags and Trane). 1960 erschien sein Album Giant Steps - ein Titel, der durchaus wörtlich zu nehmen ist. 1961 wurde dann My Favorite Things veröffentlicht. Das Titelstück dieses Albums (im Drei-Viertel-Takt) stammt aus dem Rodgers-und-Hammerstein-Musical The Sound of Music. Coltrane spielte Sopransaxophon und verhalf damit diesem im Jazz seit längerer Zeit relativ selten gespielten Instrument zu einer Renaissance.

 

Dieser Erfolg machte das John Coltrane Quartet neben Miles Davis' Quintett zu einer der einflussreichsten Jazz-Gruppen der Sechzigerjahre. Neben Coltrane bestand die klassische Besetzung aus McCoy Tyner (Piano) sowie Elvin Jones (Schlagzeug). Jimmy Garrison löste im Herbst 1961 seine Vorgänger am Bass, Art Davis und Reggie Workman, ab und vervollständigte das Quartett. Diese Besetzung sollte sich nun für die nächsten Jahre nicht verändern.

 

Bei einigen Live-Aufnahmen im Village Vanguard wirkte auch der Avantgarde-Saxophonist Eric Dolphy mit, der unter anderen bereits mit Charles Mingus zusammengespielt hatte. Die Mitschnitte aus dem Village Vanguard verstörten zahlreiche Jazzkritiker, führten zu einer Kontroverse im Down Beat und zum Ausscheiden Dolphys im März 1962. Danach entstanden zwei eher konservative Alben, Coltrane und Ballads 1962.[1] Seine Auftritte auf dem Newport Jazz Festival 1963 mit Roy Haynes und 1965 sind auf der 2007 erschienenen Edition My Favorite Things: Coltrane at Newport dokumentiert.

 

Musikalisch sprengte Coltrane die Fesseln des herkömmlichen Jazz und nahm in sein Spiel beispielsweise afrikanische und orientalische Einflüsse auf. Eine der wichtigsten Platten mit dem klassischen Quartett ist die Suite A Love Supreme aus dem Jahre 1964 (Impulse!), bei welcher Coltranes spirituelle Ausrichtung deutlich wird, die sich im vorangegangenen melancholischen Album Crescent andeutete. Coltrane, der auch den psalmenartigen Text schrieb und sang, schuf das Werk nach Lektüre des Buches The Greatest Thing In The World von Henry Drummond, einem evangelikalen Autor des 19. Jahrhunderts.

 

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre orientierte sich John Coltrane immer stärker am offenen Spiel des Free Jazz. Elvin Jones wurde durch den Schlagzeuger Rashied Ali erst ergänzt, später dann ersetzt, der auch ungebundene Metren spielte; für McCoy Tyner kam Coltranes zweite Frau Alice Coltrane (sie spielte Piano und Harfe, ein im Jazz selten vertretenes Instrument). Zumeist verstärkte der Saxophonist Pharoah Sanders die Intensität der Saxophonklänge, wie in seinem letzten aufgezeichneten Konzert im April 1967 (The Olatunji Concert).

 

Musikalisch war Coltrane auf der Suche nach neuen Klängen. Dabei blieb sein Stil immer eigenständig und in seiner Geschwindigkeit und Komplexität auch unvergleichlich. Er veröffentlichte in zwölf Jahren ca. 50 Aufnahmen mit seiner eigenen Band und ein Dutzend mit anderen Bands.

 

John Coltrane starb 1967 an Leberkrebs. John und Alice Coltrane haben drei gemeinsame Kinder, den Schlagzeuger John Coltrane Jr. (Ende der 1980er tödlich verunglückt) und die Saxophonisten Oran und Ravi. Seine Tochter, die Sängerin Miki Coltrane, stammt aus Johns Ehe mit Naima.

 

Seine Aufnahme Lush Life mit Johnny Hartman, aus dem Album John Coltrane and Johnny Hartman (1963) sowie die Alben Blue Train (1957), Giant Steps (1960), A Love Supreme (1964), My Favorite Things (1961) und Thelonious Monk with John Coltrane (1961) wurden in die "Grammy Hall of Fame" aufgenommen.

 

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